Instandhalter: Tue Gutes – und lass Dich bloß nicht dabei erwischen!





Ein Kommentar von Richard Pergler, Chefredakteur werkzeug&formenbau, fertigung und Instandhaltung: Paradigmenwechsel zwingend notwendig!

 

Der beste Instandhalter ist der, den man nicht sieht.

Für manche Protagonisten in dieser Branche, die sich genau genommen ja nicht einmal als eigenständige Branche begreift, ist das fast schon das Credo: Möglichst unauffällig bleiben, damit niemand etwas zu meckern hat. Immer schön die eigenen Aktivitäten und Ansprüche unterm Horizont halten, denn Instandhaltungsabteilungen verdienen kein Geld, die kosten ja nur …

Hallo, geht’s noch?

Dieses Bild, das auch heute noch erschreckend weit verbreitet ist, war doch auch früher schon nicht wahr. Denn was nützt eine Maschine, die ausfällt, weil sie nicht richtig gewartet wird? Was nützt eine Anlage, deren Leistung in den Keller geht und die schließlich versagen muss, weil ein Verschleißteil nicht rechtzeitig getauscht wird? Was nützt die beste Produktion, die leistungsfähigste Technik, die bestmotivierte Mannschaft, wenn sich niemand um Wartung, Inspektion, Reparatur und auch eine Verbesserung der eingesetzten Produktionsmittel kümmert?

Gut, vor einigen Jahren mag ein Ausfall einer Maschine oder Anlage sogar über längere Zeit noch keine Katastrophe gewesen sein, da war der Kunde ja auch noch ziemlich geduldig und immer noch zufrieden, wenn er seine Teile ein, zwei Wochen später bekam als vereinbart. Hauptsache, die Teile kamen überhaupt. Da war der Begriff „Verfügbarkeit“ auch noch nicht so unabdingbar wichtig wie in den heutigen Zeiten von production-on-demand und just-in-time, in der das Wohl und Wehe von Unternehmen immer mehr an der zuverlässig gesicherten Verfügbarkeit ihrer Maschinen und Anlagen hängt. Damals, „in der guten alten Zeit“, da hat man sich schon irgendwie behelfen können. Und der Kunde hatte für Verzögerungen noch viel Verständnis.

Heute sieht das anders aus

Maschinen und Anlagen dürfen schlicht nicht mehr ausfallen, schließlich sind die Kapazitäten optimiert, sprich: auf Kante genäht. Es gibt keine Reservemaschinen mehr in der Produktion, auf die sich ein wichtiger Auftrag ruck-zuck mal eben so verschieben lässt. Und es gibt auch keine offiziellen oder inoffiziellen Lager mehr, in denen fertige Werkstücke als Puffer für genau solche Unwägbarkeiten vorgehalten werden. Die Liefer- und Prozessketten sind auf ständige Bewegung ausgelegt – Teile, die irgendwo in der Bearbeitung geparkt werden müssen, sind bestenfalls gebundenes Kapital und blockieren teuren, oft nicht eingeplanten Lagerplatz.

Die Instandhaltung steht heute sehr direkt in der Verantwortung, die Zusagen der Produktion zu sichern, die Versprechen des Vertriebs gegen Terminrisiken abzufedern und so eine kalkulierbare, wettbewerbsfähige Produktion überhaupt erst zu ermöglichen. Selbst geplante Lücken in der Verfügbarkeit, wie sie aufgrund von Wartungen und Inspektionen selbstverständlich sind, werden zu Störfaktoren.

Speziell dann, wenn die Auftragslage so gut ist wie aktuell und jede Minute Wartung, jede Minute Produktionsausfall besonders schwer als nicht realisierbare Möglichkeit für Ertrag zu Buche schlägt. Das Negative wird übrigens seltsamerweise immer sehr schnell der Instandhaltung angelastet – das reibungslose Funktionieren des Maschinenparks in der übrigen Zeit schreiben sich indes die Produktionsverantwortlichen aufs Panier, schließlich hat man ja beim Kauf der Maschinen und Anlagen offenkundig strategisch weitblickend entschieden und das richtige Material gekauft …

Wenn alles reibungslos funktioniert, denkt keiner an die Instandhaltung, an diejenigen, die genau dafür sorgen, dass eben alles so läuft, wie man es sich wünscht. Und ohne deren kontinuierliche, plangemäße Fürsorge selbst das beste Material irgendwann an seine Grenzen kommt. Vorzugsweise dann, wenn der Zeitdruck groß ist und die Alternativen nicht vorhanden sind.

Eigentlich müssten die Instandhalter in dieser Rolle im Rampenlicht stehen, müsste die Produktion sehr genau wissen, was sie an diesen Spezialisten hat, müsste es einen „Chief Maintenance Officer“ in jedem Unternehmen geben. Es müsste ein klares Berufsbild, verbindliche Ausbildungswege und Studiengänge geben, verbunden mit entsprechenden Karrierechancen und Dotierungen der Stellen in den Unternehmen. Müsste. Eigentlich.

Und die Wirklichkeit?

Solange die Maschinen und Anlagen problemlos laufen, ist die Instandhaltung im Bewusstsein der übrigen Ressorts schlicht nicht vorhanden. Und wenn doch, dann als ein ungeliebter Kostenfaktor. Steht eine auch noch so langfristige vorgeplante Wartung an, stört das den Betrieb, weil sie immer zum falschen Zeitpunkt kommt. Und ein Defekt, ein Maschinenstillstand – das dauert in der Behebung immer viel zu lange. Zumindest in den Augen von Management, Vertrieb, und Produktion.

Und schuld daran, dass es so lang dauert, aber auch daran, dass Maschinen immer dann nicht verfügbar sind, wenn man sie am dringendsten braucht, ist in der Wahrnehmung vieler letztlich die Instandhaltung. Grundsätzlich. Und auch wider besseres Wissen und klare Faktenlage. Und selbst wenn es niemand ausspricht – aber im kollektiven Unterbewusstsein der Unternehmen sind diese Zuweisungsmechanismen fest verankert.

Die traurige Wahrheit ist: Das Beste, was man über das Image der Instandhalter heute sagen kann, ist, dass es keines gibt.

Und das muss sich ändern. Mindestens ebenso drastisch und nachhaltig, wie sich die Aufgaben und die Verantwortung dieses Tätigkeitsbereichs gewandelt hat. Die Wahrnehmung des Stellenwerts der Instandhaltung, die Wertschätzung der Leistung, die Achtung und den Respekt für ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens – all das muss erst einmal eingefordert werden.

Allerdings – in der Praxis steht bei diesem Bewusstseinswandel das größte Hindernis gleich am Anfang: der Instandhalter selbst. Das Motto des Berufsstands scheint zu sein: „Tue Gutes – und lass Dich bloß nicht dabei erwischen!“ Gute Instandhalter, so die landläufige Maxime, arbeiten in aller Stille, ganz im Verborgenen. Wie weiland die Heinzelmännchen aus dem Märchen: Man merkt nicht, dass sie da sind. Dass alles funktioniert, ist eine Selbstverständlichkeit, die natürlich auch möglichst nichts kosten darf. „Bescheidenheit“ ist der zweite Vorname der meisten Instandhalter. Und es fällt erst auf, wie wertvoll das reibungslose Funktionieren der Maschinen und Anlagen ist, wenn die Instandhalter einmal nicht mehr da sind und etwas nicht mehr so funktioniert, wie es soll.

Die Maxime „Bloß nicht auffallen“ scheint eines der ersten Dinge zu sein, die ein angehender Instandhalter zu verinnerlichen hat. Und das sitzt tief. Kein Wunder, denn wer ein ganzes Arbeitsleben lang eingetrichtert bekommt, dass es schlecht ist, Aufmerksamkeit zu erregen, wer von vornherein weiß, dass er nur dann im Mittelpunkt steht, wenn man einen Schuldigen für eine Katastrophe sucht, der muss erst langsam mit der Tatsache vertraut gemacht werden, dass heute auch für Instandhalter Klappern einfach zum Handwerk gehört. Und dass Marketing, auch Eigenmarketing, keineswegs etwas ist, das hart an die Grenze zur Prostitution rührt, sondern inzwischen eine Notwendigkeit.

Die eigenen Erfolge auch jenen bewusst zu machen, die davon profitieren – das ist ein nicht nur legitimes, sondern vielmehr sogar notwendiges Instrument, nicht nur das eigene Image und jenes des ganzen Berufsstands zu stärken. Denn Instandhalter sichern Wertschöpfung nicht nur ab, sie generieren auch eigene Wertschöpfung. Am augenfälligsten dann, wenn sie die Möglichkeiten der Produktion verbessern und veredeln. Dieses Wissen um den eigenen Wert fürs Unternehmen ist unter anderem wichtig, wenn es wieder einmal darum geht, im Unternehmen Budgets nicht als Gnadenakt zu erbitten, sondern sie mit gutem Recht zu erkämpfen und zu verteidigen. Und das Thema Instandhaltung als roten Faden im gesamten Unternehmen zu etablieren.

Denn mit „industrie 4.0“, der Digitalisierung der produzierenden Wirtschaft, wachsen auch der Instandhaltung neue Verantwortungsbereiche zu. Andererseits aber auch neue technische Möglichkeiten – Stichwort „Smart Maintenance“.

Und im Zuge dessen ist es unerlässlich, dass Instandhalter die Autorität und die Kompetenz bekommen, ihr Wissen beispielsweise bereits in den Planungsprozess neuer Produktionsstätten mit einzubringen und so die Voraussetzung für eine nachhaltig störungsfreie Produktion zu legen. Denn nur so kann ein Erfolg der Produktion, die ausfallsicher und vorhersehbar ihre Ziele erreichen soll, überhaupt erst möglich werden.

Damit wird klar: Instandhalter schaffen Produktivität. Sie sind weit mehr als nur eine möglichst unsichtbare Feuerwehr, eine Abteilung irgendwo in der zweiten Reihe. Instandhalter sind keine Lückenbüßer. Sie sind vielmehr einer der wichtigsten Garanten einer wettbewerbsfähigen Produktion. Deshalb würde der Branche eine gute Portion Selbstbewusstsein gut zu Gesicht stehen. Nicht zuletzt auch, um junge Menschen für das sehr attraktive, verantwortungsvolle Tätigkeitsfeld des Instandhalters zu begeistern.

Denn die Menschen, die dort arbeiten, sind das Rückgrat einer funktionierenden Wirtschaft. Und darauf können sie zu Recht stolz sein.

 

 

Zum Autor:

Richard Pergler verantwortet redaktionell die Titel werkzeug&formenbau, fertigung und Instandhaltung im verlag moderne industrie in Landsberg am Lech. Weil ihm die Branchen seiner Zeitschriften am Herzen liegen und weil er wissen will, was die Menschen in ihnen wirklich bewegt, lernt er viele Unternehmen aus eigener Anschauung kennen. Ein Schreibtischjob mit mehr als 80.000 Straßenkilometern pro Jahr.

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