👍🏻 Zuverlässigkeitsmanagement: Zufall ist nicht erkannter Zusammenhang.





Ein Bericht aus dem Leben zweier Zuverlässigkeitsingenieure

Laura fährt ihren PC hoch. Draußen ist es noch stockfinster. Sie versteht überhaupt nicht, wie ihr Kollege Peter um diese Zeit schon so munter sein kann. Pfeifend hantiert er mit einer Hand an der Kaffeemaschine, während er in der anderen sein Tablet hält und immer wieder einen Blick auf die angezeigte Liste wirft.

– Wann wirst du endlich dein Tablet wiederbekommen? – fragt Peter.
– Keine Ahnung – antwortet Laura ein wenig genervt.

Sie lässt sich gerade die Schichtbucheinträge der Produktion der letzten 24 Stunden anzeigen. Die Liste druckt sie aus und beginnt mit dem Textmarker einzelne Einträge zu markieren – viel Handarbeit für die nur zehn Minuten bis zur gemeinsamen Morgenbesprechung von Produktion und Instandhaltung, bei der täglich um 6:30 Uhr die Ereignisse der letzten Nacht und die geplanten Arbeiten für den Vormittag besprochen werden. Obwohl die Dokumentation aller Ereignisse inzwischen sehr gut ist, sind die persönlichen morgendlichen Treffen wichtig. Peter drängt:
– Komm, wir müssen rübergehen!

#kurzgesagt: RELIABILITY ENGINEERING – ZUVERLÄSSIGKEITSMANAGEMENT 🔧

Es werden aufgetretene Störungen und Verlustereignisse analysiert, um die auslösenden technischen und die dahinterliegenden organisatorischen Mängel zu entdecken. Die abgeleiteten Verbesserungsmaßnahmen zielen darauf ab, durch möglichst kleine organisatorische und technische Änderungen für möglichst viele potentielle Konsequenzen, die durch diese Mängel ausgelöst werden können, das Risiko zu senken. Zusätzlich fließt die gesammelte Erfahrung in Investitionsprojekte ein, um das Risiko von der ersten Planung an erst gar nicht entstehen zu lassen.

👩‍🔧👨‍🔧 Peter und Laura – Zuverlässigkeitsingenieure

In den USA ist die Rolle Reliability Engineer in praktisch jedem Produktionsbetrieb vorhanden, doch in Europa ist sie bislang kaum bekannt. Peter übt diese Tätigkeit nun schon seit drei Jahren aus. Zuvor hat er bereits sehr viel Erfahrung in der Instandhaltung in fast allen Werksbereichen gesammelt. Er hat wenig Gelegenheiten ausgelassen, darauf hinzuweisen, dass er auf hundert Jahre Berufserfahrung zurückblicken könne. In letzter Zeit allerdings hat er sich diese Bemerkung verkniffen – was zwar nicht unbemerkt geblieben ist, doch von den meisten für einen Zufall gehalten wird. Es gibt aber einen Grund: Zwei Tage nach Peters 50. Geburtstag, als er es sich in kleiner Runde vor einem Schaltschrank nicht verkneifen hat können, wieder auf seine lange Berufserfahrung hinzuweisen, ist Laura vorgeprescht. Vor versammelter Mannschaft ist es keck aus ihr herausgesprudelt:

– Echt beachtlich, dass man dir nur 65 davon ansieht! – Die Gruppe hat sich vor Lachen gebogen. Peter ist zunächst versteinert gewesen, doch schnell hat auch er herzlich lachen müssen. Freundschaftlich hat er Laura auf die Schulter geklopft und gestöhnt:

– Was habe ich mir nur mit dir eingehandelt? Wir werden noch viel Spaß miteinander haben!

Laura ist nun mittlerweile seit zweieinhalb Monaten in Peters kleinem Team, das eigentlich nur aus ihnen beiden besteht. Das quirlige und energiegeladene Wesen der jungen Frau hat ihn gleich beim ersten Kontakt im Vorstellungsgespräch fasziniert. Er ist jedoch skeptisch gewesen, ob sie die notwendige Genauigkeit und Ausdauer für die Arbeit als Zuverlässigkeitsingenieurin mitbringen werde. Gleich nach der Uni hat sie für zwei Jahre bei einem Sondermaschinenbauer gearbeitet und ist auf Inbetriebnahmen in allen möglichen Ländern in Europa tätig gewesen. Dort hat sie gelernt, wie wichtig es ist, sowohl den Prozess, die mechanische Hardware, die Elektrik wie auch die Software zu verstehen.

„Wer die Funktionen nicht begriffen hat, wird gar nichts schaffen“, hat sie sich schon damals immer wieder vorgesagt. Innerhalb kürzester Zeit hat sie diese Hürde gemeistert.

Außerdem hat sie in dieser Zeit gelernt, wie mit den Kolleginnen und Kollegen im Baustellenalltag am besten umzugehen ist. Im Assessment Center hat Laura gezeigt, wie gut sie für die Position eines Zuverlässigkeitsingenieurs geeignet ist. Es ist ihre Aufgabe gewesen, ein 300-Teile Puzzle zu lösen, in Suchbildern die fünf Unterschiede zu finden und bei einer kleinen Modellmaschine den Grund für die Störung zu finden sowie drei Verbesserungsvorschläge zur Vermeidung des Wiederauftretens zu formulieren. Keiner hat die Aufgaben so schnell bewältigt wie Laura und kein anderer hat aus der Störung der Modellmaschine organisatorische Verbesserungsvorschläge abgeleitet. Auch im Konfliktgespräch hat sie sehr gut abgeschnitten. Laura hat den Job bekommen.

Jochen, der Produktionsmeister, eröffnet die Morgenrunde immer mit den gleichen Worten:

– Arbeitssicherheit – irgendwelche Vorkommnisse?

Erfreulicherweise schütteln alle den Kopf. Schon lange ist die Morgenrunde keine Sitzung mehr, sondern vielmehr eine Stehung. Auf einer riesigen Wandtafel sind alle wesentlichen Anlagenabschnitte symbolisiert. Produktion, Instandhaltung – noch getrennt in Mechanik einerseits und Elektro-, Mess- und Regeltechnik andererseits – und das fachübergreifende Zuverlässigkeitsteam markieren mit Magnetknöpfen in ihrer Farbe die Anlagenabschnitte, über die sie sprechen wollen oder zu denen sie Fragen haben. Alle bis auf Laura haben Tablets in der Hand. Vor der Besprechung haben sich die Instandhalter die Meldungen der Produktion bereits durchgesehen, und der Produktionsmeister hat den Abarbeitungsstand der Instandhaltung nachgelesen. Es wird nur das besprochen, was noch unklar ist. Peter hat kurz vor dem Start des Treffens einen gelben Magnet auf das Symbol der Druckmaschine geklebt.

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In der Kokerei befindet sich die Druckmaschine, eine mehrere 100 Tonnen schwere, fahrbare Vorrichtung, welche die Türen der sogenannten Ofenkammern aushängt und danach den fertigen Koks durch die Kammer und einen überdimensionalen fahrbaren Trichter, die Überleitmaschine, in die Löschmaschine schiebt. Die Löschmaschine transportiert dann den glühenden Koks zum Löschturm. Laura hat einen gelben Magnet auf die Überleitmaschine geklebt. Als Laura an der Reihe ist, sagt sie:

– Es hat an den letzten beiden Tagen Einträge von euch gegeben, dass sich die Überleitmaschine an Position 35 von Süden kommend nicht richtig positioniert hat. Bei der Vorbeifahrt und beim Positionieren von Norden kommend gibt es keine Probleme. Ich habe mir die Positioniervorgänge mit unseren Variablen im Datenrekorder genau angesehen und zuerst gedacht, dass die Referenzblechtafel für die Lichtschranken verschoben ist, da die Millimeter-Werte zwischen der Position 34 und 35 nicht genau gestimmt haben. Dass das Problem nur bei der Nordfahrt aufgetreten ist, hat einfach keinen Sinn ergeben. Und dann habe ich das gemacht, was ich immer mache, wenn mich der Datenhaufen nur mehr verwirrt. Ich gehe an die frische Luft und schau mir das Ganze vor Ort an. Und wisst ihr, was ich dort auf dem einen Ende der Blechtafel fand? – fragend schauen sie alle an. Peter ist fasziniert, wie Laura die Spannung zu der Geschichte aufbaut, die sie ihm schon gestern am Nachmittag lachend erzählt hat.

Dieser Artikel erschien im Jahrbuch INSTANDHALTUNGSTAGE 2018.

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Alle Blicke sind auf sie gerichtet – ihr gilt die volle Aufmerksamkeit. Triumphierend zieht sie einen großen Putzlappen aus ihrer Hosentasche.

– Der dreckige Freund hat es sich auf der Blechtafel 35 bequem gemacht und da ist es kein Wunder gewesen, dass die Lichtschranke an der falschen Stelle geschaltet hat! – sie hält kurz inne. – Ich bin schon gespannt, welche organisatorische Verbesserungsmaßnahme von euch vorgeschlagen wird, damit das nicht mehr vorkommt. Spaß beiseite, ich möchte mit Jochen kurz im Anschluss beraten, was wir hier tun können – setzt Laura fort. – So, Peter jetzt bist du dran – sagt sie abschließend.

Peter ist richtig stolz auf seine Laura. Sie schafft es immer wieder, die versammelte Runde mit den Erkenntnissen aus den Analysen so zu fesseln, dass diese die Optimierungsarbeit spannender als den Sonntagskrimi empfindet. Seit sie im Team ist, wird die Verbesserungsarbeit viel mehr wertgeschätzt. Peter übernimmt:

– Ich habe mir die Hitparade der Leitsystem-Störmeldungen der letzten 24 Stunden durchgesehen und heute fällt mir auf, dass der Türabheber der Druckmaschine fünfmal beim Türrausheben in Laufzeitüberschreitung gegangen ist. Laura hat nur drei Einträge im Schichtbuch gefunden. Das kann passieren, es haben ja alle viel zu tun. Doch meine Bitte ist: „Macht ein Foto vom unteren Drehgelenk, bevor ihr Dreck wegräumt und alles wieder zum Laufen bringt. Das würde uns massiv helfen, das Problem weiter einzugrenzen. Wir können leider nicht alles in den Daten erkennen. Also ihr wisst schon…

Jochen unterbricht ihn und erklärt mit gekünstelter, singender Stimme:

– Bevor die Leiche weggeschleppt wird, machen wir Spurensicherung am Tatort! Für ein Foto ist immer Zeit. Ich sag es den Jungs nochmal. Sie haben es ja erst fünfzigmal gehört. – Jochen schmunzelt, und Peter grinst zufrieden. Peter ist sich bewusst, wie wichtig die gute Kommunikation mit den für die verschiedensten Bereiche Zuständigen ist.

– Der Ton macht die Musik – sagt er sich immer wieder und achtet stets darauf, seine Anliegen so zu platzieren, dass sein Gegenüber diese auch annehmen kann. In all den Jahren hat er erkannt, dass er zwar Ingenieur durch und durch ist, aber seine Kollegen und Kolleginnen eine andere Betreuung als jene der Maschinen brauchen. Seine technische Stärke ergänzt er mit der Fähigkeit, andere auf eine lockere und immer wertschätzende Art auf seine Seite zu bringen. Sein Chef hat dies damals, als er die Position des Zuverlässigkeitsingenieurs eingeführt und sie mit Peter besetzt hat, klar erkannt. Es ist definitiv die richtige Entscheidung gewesen. Mit Laura ist ein weiterer Glücksgriff gelungen.

Das ist nur ein erster, kleiner Einblick in den Alltag von Peter und Laura. Haben Sie in Ihrem Betrieb auch erkannt, wie wichtig es ist, einen Zuverlässigkeitsingenieur zu nominieren, der sich ein Stück aus dem Tagesgeschäft herausziehen kann und zugleich eng mit dem Tagesgeschäft interagiert? Haben Sie das schon in der Praxis umgesetzt? Wenn nicht, gehen Sie nochmals zu Peter und Laura zurück. Sie werden im Text viele Hinweise finden, die Sie für eine erfolgreiche Umsetzung verwenden können.

In zahlreichen Praxisprojekten habe ich erlebt, wie Zuverlässigkeitsmanagement scheitert und was gemacht werden muss, damit es funktioniert. Ich weiß aber auch genau, dass es stets eine äußerst anspruchsvolle und faszinierende Aufgabe bleibt, die sich mit der Erfahrung aus anderen Betrieben leichter einführen lässt.

Zum Autor:

Reinhard Korb ©orhideal-image.comDIPL.-ING. DR. REINHARD KORB
Netzwerkpartner von dankl+partner consulting gmbh
Teilhaber MCP Deutschland GmbH
Teilhaber und Geschäftsführer Korb Consulting KG

Fachgebiete: : Strategieentwicklung und -umsetzung, Organisationsentwicklung, Modellierung
und Simulation, Prozessoptimierung, Asset Management, Produktivitäts-, Verfügbarkeits- und
Zuverlässigkeitsanalysen, OEE-Optimierungen, TPM Umsetzung und Training (5S, Anlagenoptimierungen,
KPIs), Lebenszykluskosten, Ersatzteilmanagement

 

 

Titelbild: ©Colourbox

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